In Gedenken an Eugeniu Botnari. Rassismus und Armut töten. Lichtenberg bleibt solidarisch

Weiße Rosen erinnern an Eugeniu Botnari

Eugeniu Botnari wurde im EDEKA Lichtenberg Opfer von rechter, menschenverachtender Gewalt und verstarb an ihren Folgen. Sein Todestag jährt sich am 20. September 2018 das zweite mal. Der Täter, der EDEKA-Filialleiter Andre S., wurde wegen Körperverletzung mit Todesfolge zu einer dreijährigen Haftstrafe verurteilt.
Eugeniu Botnaris Tod steht in einem größeren Zusammenhang mit Rassismus gegen Menschen aus Osteuropa, mit Hass und Gewalt gegen Obdachlose, mit einem alltäglichen und strukturellen Ausschluss von Menschen aus dem Gesundheitssystem, dem Wohnungs- und Arbeitsmarkt - also mit einer sozialen Situation, mit der immer mehr Menschen in Berlin und anderen Städten konfrontiert sind.

Deswegen fand am 20. September 2018 auf dem Vorplatz des S-Bahnhof Lichtenberg eine Kundgebung zum gemeinsamen Erinnern statt. Mit weißen Rosen und öffentlichen Reden wurde in Nähe der Edeka-Filiale an die damaligen Ereignisse erinnert. Die Kundgebung wurde in Zusammenarbeit von Aktiv in Lichtenberg, der VVN-BdA und Anwohner*innen organisiert und unterstützt durch den CURA-Opferfonds für Betroffene rechter Gewalt.

 

Folgenden Redebeitrag hielt Sabrina von Aktiv in Lichtenberg.

 

Hallo, schön dass ihr da seid!

Wir sind heute hier, um Eugeniu Botnari zu gedenken, der vor genau zwei Jahren gestorben ist. Hier im Edeka im Bahnhof Lichtenberg ist er vom Filialleiter Andre S. so brutal und rassistisch motiviert zusammengeschlagen worden, dass er drei Tage später seinen Verletzungen erlag. Wir sind heute hier, weil uns sein Schicksal berührt. Und weil uns jeder Gang vorbei an der Edeka-Filiale im Bahnhof an seinen Tod erinnert.

Wir wissen leider nicht viel über ihn. Eugeniu Botnari war 34 Jahre alt. 2015 kam er aus Moldawien nach Deutschland. Hier hatte er keinen eigenen, festen Wohnsitz, sondern kam bei Freunden und bei seiner Cousine unter. Er hatte keine Krankenversicherung, weswegen er sich mit seinen Verletzungen nicht gleich bei ÄrztInnen vorstellte. Er war so arm, dass er ein Mitbringsel für seine Cousine, die er drei Tage vor seinem Tod besuchen wollte, nicht bezahlen konnte – und es sich einsteckte. Er hinterließ eine Frau, die als Nebenklägerin beim Prozess gegen Andre S. auftrat. Das einzige Foto, das wir von ihm kennen, ist ein polizeiliches, auf dem die Verletzungen an seinem Kopf deutlich sichtbar sind.

Obwohl wir so wenig von ihm wissen, markiert Eugeniu Botnaris Tod eine wichtige Zäsur. Sein Tod reiht sich ein in die vielen Anschläge auf Geflüchtete und gegen MigrantInnen, aber auch in alltägliche Bedrohungen und Gewalt, Diskriminierung in Institutionen, Ausgrenzung, Diffamierung gegen Menschen, die nicht Deutsch sind – oder für nicht Deutsch gehalten werden. Sein Tod zeigt uns auch deutlich, wie hier mit obdachlosen Menschen und Delinquenten umgegangen wird.

Eugeniu Botnaris Tod ist nicht nur Grund zur Trauer und Wut, sondern Warnung und Aufforderung zugleich, die Sprachlosigkeit zu überwinden, klar zu benennen, was hier passiert ist – und Haltung einzunehmen. So wie es viele Gruppen, Initiativen und Selbstorganisationen schon seit Jahrzehnten tun. Andre S. verprügelte Eugeniu Botnari, weil er diesen für einen Ausländer, einen Obdachlosen, für einen Trinker und einen Dieb hielt. Deswegen ist Eugeniu Botnari gestorben.

Und er ist nicht nur wegen des Filialleiters Andre S. gestorben. Sondern weil dessen Mitarbeiter nicht einschritten. Schwiegen. Und sogar mitgemacht haben. Nicht nur in Eugeniu Botnaris Fall – sondern in vielen weiteren auch, wie sich im Gerichtsprozess gegen Andre S. gezeigt hat.

Es wäre schön, wenn seine Angehörigen und FreundInnen heute hier bei uns wären. So könnten wir ihnen zeigen, dass uns nicht egal ist, was passiert ist. Wir könnten ihnen unser Mitgefühl aussprechen. Denn vermutlich gibt es für sie keinen Trost für das, was passiert ist.

Es sind noch viele Fragen offen, über die wir reden müssen.

  • Warum muss ein Mensch obdachlos sein, wo es doch hier im Bezirk und auch in der Stadt leerstehende Wohnungen und Ferienwohnungen gibt?
  • Warum wird eine kranke, schwer verletzte Person in unserem Gesundheitssystem nicht versorgt, obwohl sie dringend Hilfe braucht?
  • Warum sind viele EuropäerInnen aus dem Sozialsystem ausgeschlossen und werden so in miese Jobs oder auf die Straße gedrängt?

Und auch Fragen zu dem Edeka hier sind offengeblieben:

  • Wieso findet hier regelmäßige Gewalt gegen LadendiebInnen, Obdachlose und gegen MigrantInnen ungestraft statt? Warum wurden die zahlreichen Vorwürfe und Anzeigen gegen die Filialleiter hier in Lichtenberg und am Südkreuz nie geprüft?
  • Wieso wird die rassistische Selbstjustiz hier im Laden nicht weiter geahndet? Was ist mit dem Mitarbeiter, der routiniert das Blut wegwischt? Was ist mit denen, die per Chat Videos von solchen Schlägereien bekommen und die rassistischen Kommentare dazu lesen? Aus der Gerichtsverhandlung ist klar geworden: hier hat der bestrafte Andre S. etwas vorgelebt. Aber die MitarbeiterInnen haben geschwiegen – oder sogar mitgemacht. Wann werden sie zur Verantwortung gezogen?
  • Wie wird sichergestellt, dass sich so etwas nicht fortsetzt?

Von anderen rechten Gewalttaten an Migrantinnen wissen wir, dass es nicht-staatliche AkteurInnen sind, die für die Perspektive der Opfer einstehen. In dem Gerichtsprozess ging es um einen Täter – Andre S. Wir wollen den heutigen Tag aber nicht nur zum Anlass nehmen, von dessen verrohter, rassistischer Tat zu sprechen. Sondern wir wollen auch die Perspektive von Eugeniu Botnari so gut wir können stark machen. Wir wollen heute den Namen des Opfers sagen: Eugeniu Botnari. Wir sind heute hier, weil der Tod von Eugeniu Botnari Spuren in uns und in unserem Alltag hier in Lichtenberg hinterlassen hat.

Heute wollen wir nicht schweigen und akzeptieren. Wir wollen darüber reden, wie das geschehen konnte. Und wie wir hier in Lichtenberg in Zukunft zusammenleben wollen. Ohne Rassismus! Ohne Hass und Gewalt gegen Arme, gegen obdachlose Menschen!

Wir werden Eugeniu Botnari nicht vergessen!