Filmreihe 2019

Einmal im Monat zeigen wir Filme, die uns das Leben und den Alltag in der DDR näher bringen sollen. 30 Jahre nach dem Untergang des sozialistischen Projekts auf deutschem Boden, wollen wir Zeitdokumente der DEFA sprechen lassen, kritisch die Selbstbeschreibungen der DDR hinterfragen und diskutieren.
Die Film-Abende sind in vier Zyklen strukturiert: Arbeitswelt, Persönliche Entwicklung, Landleben und Internationalismus. Jedem Zyklus werden drei Abende gewidmet, um verschiedene Filmgenres aus unterschiedlichen Jahrzehnten zu einem Thema sprechen zu lassen. Wir erhoffen uns ein abwechslungsreiches Programm und spannende Diskussionen.

An 12 Terminen, jeweils am vierten Montag im Monat, immer um 19 Uhr, das ganze Jahr 2019 hindurch, im Plattenkosmos auf dem Hinterhof des Hausprojekts Magdalenenstraße 19. Der Raum ist mittlerweile barrierefrei. Die Filme werden - wenn möglich - mit englischem Untertitel gezeigt.

Filmreihe 2019

Zyklus Arbeits-Leben

21. Januar 2019, 19 Uhr, Plattenkosmos
Unser kurzes Leben (1980, 116 Min.)

Regie: Lothar Warneke
Drehbuch: Lothar Warneke
Vorlage: Brigitte Reimann »Franziska Linkerhand«

Nach ihrer Scheidung entschließt sich die Architektin Franziska Linkerhand, für ein Jahr aus Berlin in eine Provinzstadt zu gehen. Franziska ist eine Maximalistin, und rigoros vertritt sie ihren Anspruch, Ideal und Wirklichkeit in Übereinstimmung zu bringen. In der Stadt kommt sie in ein Kollektiv, dessen Chef vor den Zwängen der Praxis bereits kapituliert hat. Auseinandersetzungen sind zwangsläufig. In dem Kipperfahrer Trojanovicz lernt sie einen neuen Mann kennen und lieben. Aber wie im Beruf macht sie auch im Privatleben keine Kompromisse. Damalige Kritik im Neuen Deutschland von 1981: »Rigorosität, Ehrgeiz können für die persönliche wie für die gesellschaftliche Entwicklung eine nützliche Kraft sein, sie können sich aber auch unter bestimmten Voraussetzungen in blanken Karrierismus oder hemmende Eigenbrötelei umschlagen und Einsichten in das Notwendige verhindern.«

25. Februar, 19 Uhr, Plattenkosmos
Sonnensucher (1958, 115 Min.)

Regie: Konrad Wolf
Drehbuch: Karl Georg Egel, Paul Wiens

Der Uranbergbau der Wismut AG führt 1950 die verschiedensten Menschen zueinander, teils sind es zur Arbeit Zwangs­verpflichtete, teils Abenteuersuchende. Das Mädchen Lotte, das sich früh verwaist in der Nachkriegszeit prostituiert hatte, verliebt sich in den gutherzigen, aber wenig sensiblen Günter. Die Beziehung endet bald mit einer Enttäuschung für sie. Stattdessen werben der Obersteiger Beier und der sowjetische Ingenieur Sergej, dessen Frau im Krieg von Deutschen ermordet wurde, um sie.
Die beiden Männer sind Rivalen, müssen sich aber im Interesse der gemeinsamen Aufgabe miteinander arrangieren. Eine dichte Beschreibung des Bergbau-Milieus der DDR. Der Film durfte erst 1972 aufgeführt werden, um außenpolitische Verstimmungen mit der Sowjetunion zu vermeiden.

25. März, 19 Uhr, Plattenkosmos
Wittstock Teil 5 (1984, 81 Min.)

Regie/Drehbuch: Volker Koepp

Die siebenteilige Langzeitdokumentation (1975-1997) porträtiert Textilarbeiterinnen im brandenburgischen Wittstock. Die ersten fünf Teile entstanden zu DDR-Zeiten. Sie zeigen Frauen in ihren ersten Berufsjahren – im Alltag, bei der Arbeit und in der Freizeit. Der fünfte Teil war als zusammenfassender Abschlussfilm der Reihe geplant. Er enthält Material aus den vorherigen Teilen und aktuelle Aufnahmen aus dem 10 Jahre bestehenden VEB Obertrikotagenbetrieb »Ernst Lück« und persönliche Erzählungen der drei Arbeiterinnen Renate, Edith und Elsbeth.


Zyklus Persönlichkeits-Entwicklung

22. April, 19 Uhr, Plattenkosmos
Der geteilte Himmel (1964, 108 Min.)

Regie: Konrad Wolf
Drehbuch: Christa Wolf, Gerhard Wolf, Konrad Wolf, Willi Brückner, Kurt Barthel

Eine Liebesgeschichte im Berlin vor dem Mauerbau. Rita lernt den zehn Jahre älteren Chemiker Manfred kennen. Sie zieht in seine gemütliche Dachwohnung und beginnt vor ihrem Lehrerstudium ein Praktikum in einer Waggonfabrik. Immer mehr überschatten die Alltagsprobleme ihre Liebe. Rita beschäftigen die Prämienschinderei und die Arbeitsnormen in ihrer Brigade, später die ideologischen Auseinandersetzungen im Lehrerinstitut, Manfred werden bei seiner wissenschaftlichen Arbeit Knüppel zwischen die Beine geworfen. Eines Tages reicht es ihm und er geht nach Westberlin, in der Hoffnung, dass ihm Rita folgt. Sie aber bleibt in der DDR. Die westdeutsche Filmkritik befand: »Wer diesen ostdeutschen Film gesehen hat, der weiß, daß es den ernstzunehmenden westdeutschen Film nicht gibt.« (in Filmkritik, 1964)

27. Mai, 19 Uhr, Plattenkosmos
Coming Out (1989, 113 Min.)

Regie: Heiner Carow
Drehbuch: Wolfram Witt

In der Silvesternacht jagt ein Rettungswagen durch Berlin. Ein junger Mann, Matthias, hat Schlaftabletten genommen, ringt mit dem Tod. Rückblende: Ein anderer junger Mann, Philipp, ist ambitionierter Lehrer. Die Schüler*innen mögen ihn, auch die Lehrerin Tanja. Sie verliebt sich in Philipp. Die beiden werden ein Paar. Da begegnet Philipp dem alten Schulfreund Jacob wieder, der ihn an seine frühere schwule Beziehung erinnert. Philipp hat diese verdrängt. Er lernt Matthias kennen und verliebt sich in ihn. Die leidenschaftliche Beziehung zu dem Jungen bringt ihn in schwere Konflikte. Tanja ist schwanger, er mag sie und will sie nicht enttäuschen. Für Philipp beginnt ein schmerzhafter Prozeß des Sich-Erkennens. Der Film wurde zum Mauerfall uraufgeführt und bekam 1990 u.a. den Teddy Award als bester Spielfilm.

24. Juni, 19 Uhr, Plattenkosmos
Der Dritte (1972, 111 Min.)

Regie: Egon Günther
Drehbuch: Egon Günther, Günther Rücker

Literarische Vorlage: Eberhard Panitz »Unter den Bäumen regnet es immer zweimal«.
Zwei Mal hat ihr das Leben den falschen Partner gegeben – zwei Mal blieb ihr ein Kind. Jetzt ist Margit Mitte Dreißig und sehnt sich erneut nach einem Partner. Ein drittes Mal will sie die Wahl nicht dem Zufall überlassen. Aber zur eigenen Überraschung spürt sie, wie viel Courage dazu gehört, gegen traditionelle Verhaltensmuster anzutreten. Doch mit Witz, einer Portion Sturheit und der Hilfe ihrer Freundin Lucie erreicht Margit ihr Ziel. Der Film führte zu einer regen öffentlichen Diskussion um die Lage und Rolle der Frau in der DDR. Auch die Offenheit einzelner Szenen wurde in der öffentlichen Diskussion kritisiert, so sind unter anderem ein Abtreibungsversuch zu sehen. Aus dem Lexikon des internationalen Films: »ein stimmiger, mit leisem Humor erfüllter, kritischer DEFA-Beitrag zur Diskussion über die Situation der Frau und die Notwendigkeit weiblicher Emanzipation.


Zyklus Land-Leben

22. Juli, 19 Uhr, Plattenkosmos
Sommerwege (1960, 87 Min.)

Regie: Hans Lucke
Drehbuch: Bernhard Seeger

Im Spätsommer 1958 wird der Parteisekretär Ernst Wollni aus Berlin in das Dorf Schwarzwalde gesandt, um dort den Aufbau einer LPG zu begleiten. In seiner früheren Heimat trifft er auf den Jugendfreund Fritz Grimmberger. Doch die Wiedersehensfreude wird rasch getrübt, weil Grimmberger sich der Kollektivierung widersetzt und Wollnis Arbeit untergraben will. Mit seinem Alleingang gefährdet er nicht nur die Freundschaft, sondern auch seine Existenz.
Nach der Fertigstellung des Films bescheinigte ihm die Abnahmekommission »gravierende künstlerische Schwächen, die sein gesellschaftliches Anliegen« beschädigten. Sommerwege gäbe »keine Antwort auf die heutigen Fragen«. Der Film wurde eingelagert. Die DEFA-Stiftung rekonstruierte ihn 2014. Das Urteil der Kritik: »Kein Meisterwerk der DEFA, aber als Zeitdokument aussagekräftig«. (Berliner Zeitung)

26. August, 19 Uhr, Plattenkosmos
Der Staatsanwalt hat das Wort - Folge 16 (1970, 80 Min.)

Regie: Horst Zaeske. Drehbuch: Leo Lux

Besonderes Element der Reihe »Der Staatsanwalt hat das Wort« (1965-1991, 140 Folgen) waren die Auftritte des Generalstaatsanwalts der DDR. Nach kurzen, einleitenden Worten zu Beginn der Sendung folgte die filmische Darstellung. Zum Ende der Sendung kommentierte er die Taten, die Umstände, die zu ihr geführt hatten und wies auf moralische Faktoren aus sozialistischer Sicht hin. In der Folge »Strafversetzt« geht es um Probleme des Miteinanders in der LPG, um Fragen der Leitungstätigkeit und der innergenossenschaftlichen Demokratie. Es sollte erkennbar werden, dass die sozialistische Umgestaltung in den ländlichen Gebieten der DDR nicht reibungslos verläuft.

23. Septemberg, 19 Uhr, Plattenkosmos
Der nackte Mann auf dem Sportplatz (1974, 101 Min.)

Regie: Konrad Wolf.
Drehbuch: Konrad Wolf, Wolfgang Kohlhaase

Kemmel ist Bildhauer, ein Künstler, der es sich und anderen nicht leicht macht. Auf die Vierzig zugehend, fragt er sich, was er bisher Bedeutendes geschaffen hat. Einige Arbeiten werden von den Leuten nicht angenommen. Von seinem Heimatdorf bekommt er den Auftrag, eine Skulptur für den Sportplatz zu schaffen. Einen Fußballer stellt man sich vor. Was Kemmel schließlich anfertigt, ist ein Läufer – ein nackter dazu. Das Publikum ist peinlich berührt und ablehnend. Doch die Auseinandersetzung mit dem Werk, der vorsichtig einsetzende Umgang damit, führt sie schließlich zu Akzeptanz.
Aus der Kritik des Film-Dienst: »Filmsatire, die charakteristische Details des DDR-Alltags aufs Korn nimmt und die widerspruchsvolle Situation des Künstlers in seiner Gesellschaft beschreibt. Inhaltlich und gestalterisch differenziert und anspruchsvoll, einer der besten DEFA-Filme überhaupt.«


Zyklus Internationalismus

28. Oktober, 19 Uhr, Plattenkosmos
Tödlicher Irrtum (1970, 103 Min.)

Regie: Konrad Petzold
Drehbuch: Günther Karl, Rolf Römer

Der Film ist einer von insgesamt 14 Western aus der DEFA-Produktion, die alle mit demselben Hauptdarsteller Gojko Mitic inszeniert wurden. Handlung: Als in einem Reservat Ölvorkommen entdeckt werden, verspricht der Boss einer Ölgesellschaft den indigenen Völkern eine Beteiligung am Gewinn, beutet sie dann aber schamlos aus. Nur ein Oberhaupt der Schoschonen und sein Halbruder, Hilfssheriff im Reservat, wehren sich. Kritik: »Ein weitgehend spannender, manchmal etwas unübersichtlich geratener Western mit gesellschaftskritischer Note.« (Lexikon des internationalen Films)

25. November, 19 Uhr, Plattenkosmos
Das unsichtbare Visier: »Insel des Todes« (1979, 150 Min.)

Regie: Peter Hagen
Drehbuch: Otto Bonhoff, Herbert Schauer, Ottomar Lang, Michael Mansfeld

Die insgesamt sechzehnteilige Serie zeigt die Arbeit von DDR-Geheimagent*innen, die überwiegend im westlichen Ausland agieren. Die Serie entstand in den Jahren 1973 bis 1979 in Zusammenarbeit mit dem Ministerium für Staatssicherhei. Wir zeigen die letzten beiden Folgen der zweiten Staffel. Handlung: DDR-Kundschafter*innen sind einer internationalen Verschwörung auf der Spur, die sich »Geheimapparat der Revolutionären Aktion« nennt. Diese wird von der CIA ausgehalten und verfolgt das Ziel, in Griechenland und Italien Staatsstreiche zu inszenieren. Aber das Doppelspiel der CIA und italienischer Neonazi kann aufgedeckt werden. Mit einer Einschaltquote von 50%, die erfolgreichste Fernsehserie der DDR.

16. Dezember, 19 Uhr, Plattenkosmos
Im Staub der Sterne (1976, 100 Min.)

Regie: Gottfried Kolditz
Drehbuch: Gottfried Kolditz

Auf der Erde wird ein Hilferuf vom Planeten TEM 4 empfangen. Dort angekommen ist von einer Notsituation keine Spur. Der Herrscher des Planeten gibt für seine Gäste ein rauschendes Fest. Doch der Planet hat ein schreckliches Geheimnis: In Bergwerken müssen Ureinwohner*innen Sklavenarbeit verrichten. Die Kosmonauten stehen vor der Frage, wie sie ihnen helfen können. Kritik: »Dieser Film macht einen sprachlos. Ob das, was man gerade gesehen hat, grottenschlecht oder extrem gut war, weiß man noch nicht genau, als die Lichter im Kinosaal angehen - dass das, was man gerade gesehen hat, aber auf eine bestimmte Art und Weise sensationell war, weiß man.« (Leipzig Almanach)