„Verhindern, dass ähnliches wieder passiert“

Dies ist ein Auszug aus der Broschüre „Aktives Gedenken in Lichtenberg an Opfer rechter Gewalt – Eugeniu Botnari“. Sie wird zusammen mit einer weiteren Broschüre über Kurt Schneider am 17. September 2020 veröffentlicht. Beide Broschüren werden auch bei der Gedenkkundgebung an Eugeniu Botnari am 17. September 2020 ab 17:00 Uhr auf dem Bahnhofsvorplatz verteilt.

 

Deckblatt Broschüre

 

Tina Furore von AiL und Markus Tervooren von der VVN-BdA beantworten im Interview Fragen zur Gedenkarbeit an Eugeniu Botnari, Opfer rechter Gewalt in Berlin-Lichtenberg.

Obwohl es in Berlin-Lichtenberg seit den 1990er Jahren mehrere Opfer rechter Gewalt gegeben hat, sind diese weitestgehend unbekannt. Namen wie Eugeniu Botnari, Kurt Schneider oder Klaus-Dieter Reichert sagen nur wenigen Menschen im Bezirk etwas. Auch im Stadtbild sind sie nicht sichtbar. Dennoch gab es in den letzten Jahren einige Initiativen, die das ändern wollten. Eine davon ist in Zusammenarbeit von engagierten Nachbar* innen, Personen aus der „Antifaschistischen Vernetzung Lichtenberg“ (AVL), der "Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten“ (VVN-BdA) und von „Aktiv in Lichtenberg e.V.“ (AiL) entstanden, die mit einer Kundgebung 2018 an den Tod von Eugeniu Botnari erinnerten.

 

Habt ihr Eugeniu Botnari gekannt oder warum organisiert ihr ein Gedenken?

Tina: Nein, wir haben Eugeniu Botnari nicht gekannt. Wir sind durch die Berichterstattung über seinen Tod auf ihn aufmerksam geworden. Die Empörung über die Umstände seines Todes hat uns getrieben. Die sind so krass, dass ich nicht weiß, wo ich anfangen soll: Da ist einmal der Hass auf Botnari wegen seiner Herkunft und Armut und die Kriminalisierung, wegen denen er scheinbar selbstverständlich so brutal und in einem Akt der Selbstjustiz tödlich verletzt worden ist. Auch seine Wohnungslosigkeit, die finanziellen Probleme und die fehlende Krankenversicherung, die im Zuge des Gerichtsprozesses bekannt wurden, hinterlassen einen bitteren Nachgeschmack. Schließlich kam im Gerichtsverfahren heraus, dass nicht nur André S., sondern gleich mehrere Angestellte in der Edeka-Filiale auf dieselbe Weise mit „Delinquenten“ umgegangen sind, besonders wenn diese migrantisch waren. Ein weiterer Skandal ist, dass die Täter nun das erste Mal zur Rechenschaft gezogen wurden, wodurch ihre Strafen milde ausfielen. Polizei und Justiz hätten aber viel früher eingreifen und Ermittlungen aufnehmen können, dann wäre Botnari wahrscheinlich nicht mit 34 Jahren gestorben. Wir wollen dies alles nicht unkommentiert geschehen lassen. Wir wollen uns Zeit nehmen, um Eugeniu Botnari zu gedenken und die Missstände angehen, die zu seinem Tod geführt haben.

Markus: Dieser Totschlag zeigt die ungebrochene Kontinuität von Gewalt gegen stigmatisierte Menschen auf. Die Verfolgung von sogenannten „Asozialen“ im Nationalsozialismus ist zwar seit langem bekannt, aber zugegebener Weise war das in der Erinnerungspolitik auch bei uns lange Zeit eine Leerstelle. Schließlich war und ist die Ausgrenzung der Betroffenen nicht nur eine staatliche, sondern auch eine gesellschaftliche. Daran waren teilweise leider auch Antifaschist*innen beteiligt. Personen die als „arbeitsscheu“, „unangepasst“ stigmatisiert wurden, entsprachen eben auch nicht dem Selbstbild vieler ehemaliger Häftlinge oder Verfolgter im Nationalsozialismus. Was nicht heißt, dass die Personen grundsätzlich aus der Häftlingssolidarität ausgeschlossen wurden, die ja nicht nur eine politisch bewusste, sondern auch oft persönlich-empathische war. Diese Leerstellen versuchen wir seit einigen Jahren zu schließen. Das bedeutet auch, dass wir uns an Initiativen beteiligen, die sich mit dem heutigen „Herrenmenschentum“ und Sozialchauvinismus beschäftigen. Besonders dankbar sind wir Initiativen wie der „Niemand ist vergessen“-Kampagne oder auch der „Initiative für einen Gedenkort ehemaliges KZ Uckermark“.

Eugeniu Botnari wurde 2016 totgeschlagen. Es gab Medienberichte, doch kein Gedenken. Was sind die Gründe dafür?

Tina: Das hat verschiedene Gründe. So traurig es ist: Eugeniu Botnari war und ist keine Person, für den eine starke Lobby eingetreten wäre. Als Moldawier, Obdachloser und als Person, die gestohlen haben soll. Im Gegenteil wirkt es in der Berichterstattung so, als würde er selbst eine Verantwortung für seinen Tod tragen. Das ist natürlich Unsinn, denn niemand hat das Recht, über das Leben einer anderen Person zu richten, als wäre es nichts wert. Außerdem hat das auch mit den Tätern zu tun, die auf eine beunruhigende Art zeigen, dass hier nicht organisierte Nazis die Mörder waren, sondern die Typen aus dem Supermarkt, die plötzlich zu einer tödlichen Brutalität bereit sind.

Markus: Was uns ärgert ist, dass der „Weitlingkiez“ heute als „ruhiger“ gilt. Der Totschlag von Eugeniu Botnari, die Gesichter der Passant*innen, wenn sie an den obdachlosen Menschen vorbeigehen, aber auch die Wahlergebnisse der AfD sprechen da eine ganz andere Sprache. Insgesamt zeigt Botnaris Tod viele unangenehme Seiten des Zusammenlebens im Kiez. Wer davor die Augen verschließt, sorgt im Zweifel dafür, dass weitere Morde geschehen werden.

Was hat sich seitdem geändert, warum wird es jetzt thematisiert?

Tina: Botnari wurde sofort in mehreren Chronologien (u.a. Tagesspiegel) als Opfer rechter Gewalt geführt, wohl vor allem wegen der offen rassistischen Haltung des Täters. Das ist gut! André S. und seine vier Kollegen sind zu Haftstrafen verurteilt worden, allerdings haben sie ihre Strafen bereits verbüßt. Als im Zuge der Corona-Pandemie bekannt wurde, dass Obdachlosen „aus hygienischen Gründen“ der Zugang zum Edeka in Bahnhof Lichtenberg verwehrt wurde, hat sich zeigt, dass sich im Umfeld nichts getan hat. Auch deswegen machen wir weiter.

Wie sah das Gedenken bisher aus?

Tina: Wir haben im Austausch mit der Beratungsstelle „ReachOut“, die den Gerichtsprozess begleitet hat, Informationen gesammelt und die Medienberichte ausgewertet. Wir sind wiederum ein loser Kreis von Interessierten, die das Thema nicht loslässt. Bei der Kundgebung zum zweiten Todestag, dem 20. September 2018, haben wir Flyer und Rosen an die Passant* innen auf dem Vorplatz des S-Bahnhofs verteilt, um die Vorgänge bekannt zu machen. Es gab auch mehrere Redebeiträge, von der „VVN-BdA“ oder der „Erwerbslosenberatungsstelle ALSO“. Der „Opferfonds CURA“ hat uns dabei finanziell unterstützt. Die Resonanz von den Passant*innen war ausgesprochen positiv. Die vorliegende Broschüre und die Vernetzung mit der „Niemand-ist-vergessen“-Kampagne und der AVL war nun unser nächster Schritt. Wir stehen außerdem auch mit berlinweiten Akteur*innen in Kontakt, beispielsweise mit der Erwerbslosenberatung „Basta“ und dem Verein „Amaro Foro“, um die weitere Gedenkarbeit in Zukunft hoffentlich im Austausch miteinander zu gestalten.

Was sind weitere Schritte eurer Gedenkarbeit?

Tina: Die wird idealerweise in Kontakt zu den Angehörigen von Eugeniu Botnari fortgesetzt. Bisher konnten wir diesen nicht herstellen, was wir sehr bedauern. Ein weiterer Schwerpunkt sind Aktionen vor Ort, wie Kundgebungen oder auch Diskussionsveranstaltungen, um unserem Unmut weiter Ausdruck zu verleihen, aber auch, um die Geschichte von Eugeniu Botnari lokal in Erinnerung zu behalten. Die Erfahrung der Kundgebung 2018 zeigt, dass das Unwissen, aber auch das Interesse groß ist. Dies zeigt, dass wir auf der richtigen Spur sind.

Habt ihr noch darüber hinaus gehende Ziele?

Markus: Im Bezirk gibt es ja eine Vielzahl von Stolpersteinen und Gedenkorten, die an Opfer des Faschismus erinnern. Wir sind der Meinung, dass diese dringend durch Orte des Gedenkens an die neuen Opfer der gesellschaftlichen Ausgrenzung ergänzt werden müssen.

Tina: Wir wünschen uns auch jenseits der Veranstaltungen, die wir organisieren werden, ein dauerhaftes Zeichen zur Erinnerung an Eugeniu Botnari. Dies könnte eine Gedenktafel sein oder aber die Umbenennung des Platzes vor dem Bahnhof Lichtenberg. Es wäre ein deutliches Zeichen an die Täter und ihr Umfeld: wir vergessen nicht, was hier geschehen ist und was ihr getan habt. Es wäre ein deutliches Zeichen an die Familie und Angehörigen: Eugeniu Botnari hat hier Unrecht erfahren und wird nicht vergessen. Und es wäre ein Zeichen der Lichtenberger*innen: es ist genug und wir wollen verhindern, dass ähnliches wieder passiert.